Sinn­stif­tung bedeu­tet nicht ‚Anything goes‘“
Richard David Precht im Inter­view

Das Gespräch mit Richard David Precht beginnt mit einer Irri­ta­ti­on. Sein Vor­trag zur wer­te­ori­en­tier­ten Arbeits­welt auf dem dies­jäh­ri­gen Chan­ge Con­gress soll den Titel „Fak­tor Mensch“ tra­gen – so zumin­dest unse­re Idee. „Wer vom Fak­tor Mensch spricht, denkt nicht wer­te­ori­en­tiert. Das passt nicht zusam­men. Ent­we­der ist der Mensch ein öko­no­mi­scher Fak­tor oder er steht im Mit­tel­punkt.“ So wird gleich zu Beginn klar: Hier hat sich jemand gründ­lich Gedan­ken gemacht und wenig übrig für lee­re Phra­sen.

Herr Precht, war­um glau­ben Sie, dass Wer­te­ori­en­tie­rung im Zusam­men­hang mit Arbeits­welt ein rele­van­tes The­ma ist?

Unse­re Arbeits­welt – und da sind sich ja alle einig – wird sich sehr stark ver­än­dern, weil der Anspruch, den Men­schen an ihre Arbeit haben, sich ver­än­dern wird. Es ist ja schon heu­te in den Unter­neh­men sinn­fäl­lig, dass jun­ge Men­schen auf ihre Work-Life-Balan­ce ach­ten – dar­auf, dass die Arbeit sie glück­lich macht, dass sie net­te Kol­le­gen haben und vor allem dar­auf, dass ihre Arbeit einen Sinn hat. Das heißt, dass sie etwas Wert­vol­les – nicht nur etwas Wert­schöp­fen­des – tun. Wir soll­ten nicht ver­ges­sen, dass der Anspruch, unse­rer Arbeit einen Sinn zu ver­lei­hen, in der Mensch­heits­ge­schich­te grund­le­gend neu ist. Das konn­ten sich lan­ge Zeit nur ein paar Künst­ler leis­ten, viel­leicht auch ein paar Indus­tri­el­le oder Unter­neh­mer. Für den nor­ma­len Arbei­ter war die Sinn­fra­ge im Arbeits­kon­text jedoch völ­lig irrele­vant. Mein Groß­va­ter hat zum Bei­spiel bei der Post gear­bei­tet – und da ging es sicher nicht um Glück oder Sinn­stif­tung. Natür­lich gibt es auch heu­te noch Tätig­kei­ten, die man nur mit viel Fan­ta­sie mit einem Wert auf­la­den kann. Den­ken Sie zum Bei­spiel an die Arbeit in einem Call­cen­ter. Im Zuge der digi­ta­len Revo­lu­ti­on wird jedoch genau die­se Art von Arbeit, vor allem Rou­ti­ne­tä­tig­kei­ten, zuneh­mend weg­fal­len. Es wird nicht mehr nor­mal sein, von neun bis fünf in ein Büro zu gehen
und dafür Geld zu krie­gen. Von die­ser Vor­stel­lung von Arbeit wer­den wir uns all­mäh­lich ver­ab­schie­den.

Und an deren Stel­le tritt dann Arbeit, die man als sinn­voll emp­fin­det?

Genau! Was letzt­end­lich dazu führt, dass die Gren­ze zwi­schen Lohn­ar­beit und ande­ren Tätig­kei­ten viel porö­ser wird. Wenn ich mei­nen Gar­ten umgra­be, dann emp­fin­de ich das als Arbeit – aber die Gesell­schaft erkennt es nicht als sol­che an. Es gilt nur dann gesell­schaft­lich als Arbeit oder wert­schöp­fend, wenn jemand dafür Geld erhält. Und die­se Gren­ze zwi­schen Tätig­keit und Arbeit wird ver­schwim­men.

Also ver­schwimmt auch die Gren­ze zwi­schen Arbeits- und Pri­vat­le­ben?

Ja, Arbeits- und Pri­vat­le­ben wer­den sich stark ein­an­der annä­hern. Aller­dings wird die­se Ent­wick­lung nicht über­all gleich schnell ver­lau­fen. Auch in fünf bis zehn Jah­ren wer­den Men­schen noch Spar­gel ste­chen und wenig Freu­de dar­an haben – ich bin ja kein Fan­tast. Aber die Ten­denz, dass Selbst­ver­wirk­li­chung und Arbeit stär­ker anein­an­der­ge­kop­pelt wer­den, ist klar abzu­se­hen. Eine zwei­te Ten­denz wird sein, dass wir weni­ger arbei­ten. Es wäre jeden­falls völ­lig ver­rückt, wenn es nicht so wäre. Wenn Maschi­nen uns immer mehr Arbeit abneh­men, kön­nen wir immer weni­ger arbei­ten. Wir haben zu Anfang der ers­ten indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on 80 Stun­den gear­bei­tet – jetzt sind es nur noch 37,5 Stun­den und irgend­wann wer­den es viel­leicht 20 bis 15 Stun­den sein.

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Am ers­ten Tag des Chan­ge Con­gress wid­men wir dem The­ma Power of Pur­po­se — Sinn als Trieb­werk in dis­rup­ti­ven Zei­ten einen eige­nen Block mit vie­len span­nen­den Refe­ren­ten — dar­un­ter Richard David Precht. Mit sei­nem Key­note “Plä­doy­er für eine wer­te­ori­en­tier­te Arbeits­welt” eröff­net er die­ses Jahr den Chan­ge Con­gress.  

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